Digital oder analog fotografieren?
2007 © Thomas GadeFotografie auf Film - zukünftiger Stellenwert
Es gab Bereiche, in denen sich der Film gut behauptete. Die meisten Digitalkameras waren nur in einem eingeschränkten Temperaturbereich zwischen 0 °C und 40 °C einsetzbar. Bei winterlichen Spaziergängen konnten sie ihren Dienst versagen. In vielen Regionen der Erde, insbesondere in Afrika, Südamerika, den Tropen sowie in sehr kalten Gebieten, schien die Fotografie auf Film aufgrund der dort herrschenden Rahmenbedingungen noch lange im Vorteil zu sein. Die Menschen in ärmeren Ländern verfügten nicht über die bei uns übliche EDV-Infrastruktur. Digitalfotografie war damals noch teuer. Der Profi konnte zwar Filme einsparen und seine Investitionen steuerlich berücksichtigen, doch die meisten Fotoamateure investierten erhebliche Summen in technische Geräte mit vergleichsweise kurzer Nutzungsdauer. Eine Kleinbildkamera, die wenige Jahre zuvor 400 DM gekostet hatte, galt als teuer. Dagegen wurden 200 Euro für eine Digitalkamera lediglich als Einstiegspreis angesehen. Hinzu kamen Akkus, Tasche, Speicherkarten sowie selbstverständlich ein PC mit Brenner, Drucker und entsprechender Software. Eine gute digitale Kameraausrüstung konnte problemlos zwischen 500 und 2500 Euro kosten. Dabei wurde sie meist nicht für einen langen Zeitraum angeschafft. Wer die technische Entwicklung aufmerksam verfolgte, investierte selten in eine EDV-Ausstattung mit der Absicht, viele Jahre damit zu arbeiten. Zu schnell gab es Fortschritte bei Hard- und Software, die neue Kaufanreize schufen und ältere Geräte nahezu wertlos erscheinen ließen.Hier stellte sich die Frage, warum die Filmhersteller und Fotolabore ihren Kunden nicht angeboten hatten, Filme bereits während des Entwicklungsprozesses kostengünstig und in hoher Qualität zu digitalisieren. Eine solche Dienstleistung hätte sich vergleichsweise leicht in den Entwicklungsablauf integrieren lassen. Sie hätte dem Filmgeschäft vermutlich gutgetan und den Wechsel vieler Fotoamateure zur Digitalfotografie verlangsamt. Das Scannen von Filmen mit Geräten von Nikon, Minolta, Epson oder Canon war außerordentlich zeitaufwendig und erforderte sowohl fundierte Kenntnisse der Bildbearbeitung als auch eine leistungsfähige Computerausstattung. Nicht wenige meiner fotografierenden Bekannten bevorzugten inzwischen digitale Spiegelreflexkameras, weil sie dadurch endlich wieder mehr Zeit zum Fotografieren fanden und nicht, wie seit Mitte der 1990er Jahre, zahllose Stunden am Computer verbringen mussten. Dadurch ging den Filmherstellern und Fotolaboren ein lukratives Geschäft verloren. Auch die Fotofachgeschäfte beklagten den Rückgang der klassischen Fotoaufträge. Viele Kunden sahen sie nach dem einmaligen Verkauf einer Kamera kaum noch wieder.
Digitale Praxis
Seit der Anschaffung meines ersten eigenen PCs hatte ich deutlich weniger Zeit für andere Dinge. Leider war die EDV-Technik nicht mit den übrigen Haushaltsgeräten vergleichbar. Ein Radio, eine Kaffeemaschine oder ein konventionelles Telefon ließen sich problemlos bedienen und funktionierten oft viele Jahre lang störungsfrei. Sie waren zuverlässig. Niemand wäre auf die Idee gekommen, ständig nach Updates Ausschau zu halten oder regelmäßig Zeitschriften zu kaufen, die in nahezu jeder Ausgabe über Hacker, Viren, Systemprobleme, Leistungsversprechen, geheime Einstellungen, verwirrende Industriegerüchte und ähnliche Themen berichteten.Die EDV-Technik befand sich damals in einer rasanten Entwicklung. Dies betraf nahezu alle Bereiche der Hard- und Software. Die Leistungsfähigkeit der Systeme wuchs oft schneller, als der Durchschnittsanwender Geld für die nächste Investition zurücklegen konnte. Wer versuchte mitzuhalten, geriet leicht außer Atem. Computer waren keine klassischen Langzeitprodukte, sondern eher Verbrauchsgüter. Der Anwender sollte möglichst in der Lage sein, sein System selbst zu installieren, zu konfigurieren und betriebsbereit zu halten. Anfänger machten häufig die Erfahrung, dass ihre Neugier sie zum Installieren unterschiedlichster Programme oder zum Experimentieren mit Systemeinstellungen verleitete. Irgendwann arbeitete der Rechner nicht mehr wie gewünscht. Dann wusste man oft weder, wie sich das Problem beheben ließ, noch welche Änderung überhaupt zu dem Fehler geführt hatte.
Die vielen Abende und Wochenenden, die vor dem Computer verbracht wurden, dienten häufig nur dazu, Systeme zu optimieren, wiederherzustellen, zu installieren oder zu deinstallieren. Hinzu kamen Datensicherungen, die Rettung von Dateien von virenbefallenen Rechnern, vergebliche Versuche zum Nachfüllen von Tintenpatronen und nicht zuletzt die komplette Neuinstallation eines Systems. Dazu kamen das Tweaken, Downloaden, Updaten, Konfigurieren, Konvertieren und Komprimieren von Daten sowie die Verzweiflung über nicht funktionierende Internetverbindungen, streikende Scanner, versagende Faxfunktionen und zahllose andere Probleme. Solche Erfahrungen konnten einen leicht zu der Überzeugung bringen, dass diese Technik ausgesprochen unerquicklich war.
Erst kürzlich hatte ich beschlossen, den Prozessorlüfter meines PCs auszutauschen. Nach etwa eineinhalb Jahren täglicher Nutzung war er plötzlich sehr laut geworden, und ich befürchtete, dass er bald seinen Dienst quittieren würde. Nun waren diese Kühler nicht gerade benutzerfreundlich konstruiert. Üblicherweise wurden sie mit Klammern befestigt, die in kleine Nasen der Prozessorhalterung einrasteten. Rund um den Prozessor befanden sich zahlreiche empfindliche Bauteile auf dem Mainboard. Ausgerechnet dort, wo man den Schraubendreher zum Lösen einer Klammer ansetzen musste, standen oft Kondensatoren oder andere Bauteile im Weg. Da die Prozessoren immer mehr Wärme erzeugten, wurden die Kühler größer und ihre Befestigungen entsprechend straffer ausgelegt. Bei manchen Systemen musste man erhebliche Kraft aufwenden, um die Halteklammern zu lösen. Dabei kamen Zweifel auf, ob das Mainboard für solche Belastungen tatsächlich ausgelegt war. In meinem Fall blieb das Mainboard zwar unbeschädigt, doch an einer winzigen Ecke des Prozessorkerns brach ein kleines Stück heraus. Damit war die CPU unbrauchbar geworden. In einem Computerladen erwarb ich als Ersatz einen AMD 2800+ Sempron. Zu meinem Ärger stellte sich heraus, dass dieser Prozessor nicht mit dem erst eineinhalb Jahre alten Mainboard kompatibel war. Da ein Umtausch trotz der fehlerhaften Beratung fraglich erschien und der bisherige Prozessortyp nicht mehr erhältlich war, kaufte ich schließlich auch ein neues Mainboard. Es dauerte zwei Abende und einen kompletten Samstag, bis sämtliche Programme und Treiber wieder installiert und eingerichtet waren. Diese Aktion kostete mich die Kleinigkeit von rund 200 Euro.
Solche Erfahrungen sollten eine gesunde Skepsis gegenüber der Digitalfotografie hervorrufen. Die Kameras wurden, wie viele andere EDV-Produkte auch, oft nur wenige Monate oder wenige Jahre genutzt, bevor sie durch neuere Modelle ersetzt wurden. Für etwa 5 Euro erhielt man damals einen Film einschließlich Entwicklung. Die Kosten für Abzüge vom Film lagen häufig unter denen von digitalen Dateien. Allerdings war abzusehen, dass sich die Preise langfristig angleichen würden. Wer eine Digitalkamera besaß, benötigte zusätzlich einen leistungsfähigen PC mit CD- oder DVD-Brenner sowie die erforderliche Software. Hinzu kamen Tasche, Akkus, Speicherkarten, Ladegerät und gegebenenfalls weiteres Zubehör. Auch ein guter Farbdrucker gehörte zur Ausstattung. Wer sich beim Kauf nicht ausreichend informierte und ein Modell mit teuren Tintenpatronen erwarb, sah sich mitunter schon bald nach einer kostengünstigeren Alternative um.
Soweit die skeptischen Gedanken.
Um 1995 erhielt ich an meinem Arbeitsplatz erstmals Zugang zu einer digitalen Kamera. Im Grunde handelte es sich um einen kompakten Scanner mit Objektivanschluss und einer Auflösung von etwa sechs Millionen Pixeln. Im Inneren digitalisierte eine Scanzeile das Motiv. Die Aufnahme dauerte entsprechend lange, sodass an spontane Schnappschüsse nicht zu denken war. Das erste Modell erzeugte lediglich Graustufenbilder, während die etwa ein Jahr später verfügbare Nachfolgeversion bereits Farbaufnahmen ermöglichte. Die Bildqualität war aus heutiger Sicht bescheiden.
Später organisierte ich ein Projekt für Arbeitslose, die eine Internetseite mit Stellengesuchen aufbauen sollten. Dazu wurden Lebensläufe und Fotos der Stellensuchenden in den Webauftritt integriert. In diesem Zusammenhang schafften wir eine Digitalkamera von Fuji an, die mit vier frischen Batterien gerade einmal etwa 25 Aufnahmen in eher mäßiger Qualität ermöglichte.
Im Jahr 2001 lieh mir jemand eine Nikon Coolpix 990. Diese kleine Kamera überzeugte durch ihre gute Bildqualität. Besonders beeindruckend waren die exzellenten Makroeigenschaften und die Möglichkeit, Motive aus kürzester Entfernung aufzunehmen. Die drei Millionen Pixel reichten durchaus aus, um ansprechende Ausdrucke im DIN-A4-Format anzufertigen. Für meinen Arbeitsplatz wurde später eine Canon S40 angeschafft, die sich im täglichen Einsatz bewährte. Sie verfügte über ein robustes Gehäuse und ließ sich einfach bedienen. Die meisten Aufnahmen gelangen problemlos im Programmmodus. Gelegentlich führten neugierige Kollegen allerdings unbeabsichtigte Änderungen in den Menüs durch, was manche Bildserie gründlich verdarb. Dies lag jedoch nicht an der Kamera selbst. Im Jahr 2004 erwarb ich eine Olympus C-5060 mit schwenkbarem Display und zahlreichen Einstellmöglichkeiten. Sie lieferte ausgezeichnete Bilder. Leider harmonierten meine vorhandenen Slave-Blitze nicht mit diesem Modell. Die Vorblitze zur Belichtungsmessung oder zur Reduzierung roter Augen lösten die Blitzgeräte bereits vor der eigentlichen Aufnahme aus. Kurz darauf führte mir ein befreundeter Fotograf seine Nikon D70 vor. Das war für mich ein Schlüsselerlebnis. Die Kamera war praktisch unmittelbar nach dem Einschalten einsatzbereit, und mehrere Aufnahmen konnten in schneller Folge gemacht werden. Die Einschaltverzögerungen und Wartezeiten bei der Bildspeicherung hatten mich bei vielen Kompaktkameras stets gestört. Da ich seit vielen Jahren mit Pentax-Spiegelreflexkameras fotografierte, entschied ich mich im Januar 2005 für eine digitale Spiegelreflexkamera von Pentax mit dem ungewöhnlichen Namen *ist DS. Aufgrund meiner Erfahrungen mit analogen Pentax-Kameras benötigte ich kaum eine halbe Stunde, um mich mit der Bedienung vertraut zu machen. Das Handbuch blieb zunächst weitgehend unbeachtet. Besonders erfreulich war die Kompatibilität zu meiner vorhandenen Ausrüstung. Sämtliche Objektive mit KA-Bajonett konnten weiterverwendet werden. Auch meine älteren Metz-Blitzgeräte vom Typ 32 CT3 ließen sich mithilfe des bewährten SCA-372-Adapters weiterhin mit TTL-Messung betreiben. Mit dem Tamron 28–300 mm sowie dem Pentax 50 mm Macro entstanden problemlos hochwertige Aufnahmen. In Bedienung und Erscheinungsbild unterschied sich die Pentax kaum von ihren analogen Vorgängern. Die systemübergreifende Kompatibilität erleichterte den parallelen Einsatz von Film- und Digitaltechnik erheblich.
Seitdem Digitalkameras Teil meiner Ausrüstung geworden waren, fotografierte ich häufiger. Und zwar sowohl auf Film als auch digital. Meine Filme scannte ich mit einem Nikon Coolscan 5000. Die parallele Nutzung beider Systeme machte ihre jeweiligen Stärken und Schwächen besonders deutlich. Das digitale Fotografieren bereitete viel Freude. Die Ergebnisse standen schnell zur Verfügung, und Fehler konnten unmittelbar erkannt werden. Wer allerdings im RAW-Format fotografierte, musste zusätzliche Zeit für die Entwicklung und Konvertierung der Dateien einplanen. Oft lieferten digitale Aufnahmen neue Ideen für ergänzende Bilder desselben Motivs. Nicht selten entstanden daraus weitere Aufnahmen – dann allerdings wieder mit einer analogen Kamera, einem feinkörnigen Film und möglichst von einem stabilen Stativ aus.
Rückblick aus heutiger Sicht
Aus heutiger Perspektive hat sich die Entwicklung der Fotografie anders und zugleich differenzierter dargestellt, als es in den frühen Jahren der Digitalisierung absehbar war. Die analoge Fotografie wurde zunächst stark zurückgedrängt und die Industrie war von Insolvenzen und massiven Umstrukturierungen betroffen. Zahlreiche Film- und Fotolabore verschwanden in kurzer Zeit vom Markt. Gleichzeitig hat sich der Film jedoch nicht vollständig aus der fotografischen Praxis verabschiedet. Hersteller wie Ilford, Kodak und Adox haben ihre Produktion teilweise neu ausgerichtet und in modernisierte Emulsionstechnologien investiert. Der weltweite Filmbedarf ist im Vergleich zum Jahr 2000 deutlich geringer, hat sich jedoch in den letzten Jahren stabilisiert und in bestimmten Bereichen sogar wieder leicht erhöht. Dieser Wiederanstieg scheint dabei weniger auf einen reinen Modetrend zurückzugehen, sondern eher auf eine bewusste Entscheidung für ein analoges Aufnahmeverfahren. In einer Zeit, in der digitale Bildprozesse zunehmend von Algorithmen, Bildoptimierung und KI-gestützten Verfahren beeinflusst werden, wächst bei einigen Fotografen der Wunsch nach einem weitgehend unveränderten, „direkten“ Bildentstehungsprozess. Dabei hat sich jedoch die Arbeitsweise deutlich verschoben. Während die Aufnahme auf Film wieder verstärkt genutzt wird, spielt die klassische Dunkelkammerarbeit zur manuellen Vergrößerung heute nur noch eine untergeordnete Rolle. Stattdessen hat sich ein hybrides Arbeitsmodell etabliert: Der Film wird belichtet, anschließend jedoch meist digitalisiert und digital weiterverarbeitet. Diese Kombination verbindet die charakteristischen Eigenschaften analoger Aufnahmetechnik mit den Möglichkeiten moderner digitaler Verarbeitung und Archivierung. Sie stellt damit weniger einen Rückschritt dar, sondern vielmehr eine spezialisierte Form der Fotografie, die bewusst bestimmte Eigenschaften des analogen Prozesses erhält, ohne auf die Vorteile der digitalen Weiterverarbeitung zu verzichten.© Thomas Gade | photoinfos.com | ISSN 3054-4769 (Online). Unsere Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt. Jede Nutzung ist nur mit schriftlicher Erlaubnis des Verfassers gestattet und stets honorarpflichtig.