Klassisches Balgengerät von Novoflex
© Thomas Gade Dezember 2013
Produktbeschreibung – Novoflex Klassisches Balgengerät
Die Novoflex Präzisionstechnik GmbH wurde 1948 von Karl Müller – einem Fotografen und Fotohändler – in Memmingen gegründet. Dort ist das Unternehmen immer noch ansässig. Bereits Anfang der 1950er Jahre brachte es eigene Balgengeräte für die Makrofotografie heraus, die auf einem nachhaltigen Konzept basierten und sich über Jahrzehnte im Markt halten konnten. Typisch sind zwei oder vier stabile Rundstangen, auf denen sich die Objektivstandarte und die Basis des Balgengerätes verschieben ließen. Eine Skala an der gezahnten Rundstange zeigt die aktuelle Auszugsverlängerung an und erleichtert die reproduzierbare Arbeit im Makro- und Reprobereich.
Diese Konstruktion war von Anfang an so durchdacht und robust, dass sie mehr als ein halbes Jahrhundert lang kaum verändert wurde. Noch 2019 bot Novoflex auf seiner Website ein Balgengerät an, das exakt diesem klassischen Prinzip mit Canon-EF-Anschluss folgte.
Seit Beginn der 2000er Jahre setzt Novoflex jedoch auf neue Konstruktionen und gilt seit längerem weltweit als Marktführer bei Balgengeräten. Ernsthafte Konkurrenz durch neue Geräte gibt es praktisch nicht, abgesehen von billigen Balgengeräte aus Fernost, die in puncto Verarbeitung nicht mithalten können. Die aktuellen Modelle von Novoflex verzichten auf die Rundstangen und nutzen stattdessen eine profilierte Schiene mit passgenau geführten Schlitten. Ob dies zu einer höheren Stabilität und der Integration moderner Funktionen führt, konnte ich bislang nicht erkennen. Möglicherweise sollen sich die Produkte farblich und von ihrer Bauweise von den früheren Modellen unterscheiden, um moderner zu wirken. Das ist wichtig, weil neue hochwertige Balgengeräte nicht billig sind, während auf dem Gebrauchtmarkt jedoch sehr viele ältere hochwertige Balgengeräte für zweistellige Beträge erhältlich sind, die in der Praxis häufig den neuen Versionen nicht nachstehen. Zur Konkurrenz für moderne Novoflex-Balgengeräte zählen nämlich auch die eigenen alten Produkte auf dem Gebrauchtmarkt.
Die klassischen Balgengeräte aus dem 20. Jahrhundert lassen sich im Wesentlichen in drei Hauptgruppen einteilen. Bei zwei Varianten hat die Objektivstandarte ein M39 oder M42 Schraubgewinde. M39 passt zu Objektiven von Novoflex oder Leica oder vielen Vergrößerungsobjektiven aus der Dunkelkammer. Für M42 gibt es auch sehr viele Objektive.
In Verbindung mit speziellen Objektivköpfen von Novoflex ist sogar eine Fokussierung von nah bis unendlich möglich; dies bieten normale Fotoobjektive am Balgengerät nicht.
Kameraseitig kommt ein Adaptersystem zum Einsatz, mit dem sich fast jedes Kleinbildgehäuse – ob mit Bajonett oder M42-Gewinde – anschließen lässt. Der Unterschied zwischen diesen beiden Versionen liegt darin, dass die einfachere Variante nur das reine Balgengerät ist, während die aufwändigere Ausführung zusätzlich einen Einstellschlitten hat.

Novoflex Balgengeräte mit Vergrößerungsobjektiven am M39 Anschlussgewinde der Objektivstandarten. Links: Balgen mit Einstellschlitten, rechts: Balgen ohne Einstellschlitten.
Die dritte Gruppe bilden die sogenannten Automatic-Balgengeräte. Sie wurden für die wichtigsten Kleinbildsysteme der damaligen Zeit entwickelt und enthielten eine mechanische Blendenübertragung. Beim Drücken des Auslösers wird die am Objektiv voreingestellte Arbeitsblende über eine Mechanik im Balgen bis zum Objektiv durchgeschaltet, eine elegante Lösung, da das Objektiv ja keine direkte Verbindung mehr zur Kamera hat. Auch diese Modelle verfügen über einen integrierten Einstellschlitten.
Im Novoflex Prospekt heißt es dazu: "Die automatische Blendenübertragung sorgt dafür, dass die Blende bis zum Auslösen vollständig geöffnet bleibt. Selbst bei kleinen Blenden wie f/22 bleibt das Sucherbild hell und klar – ein enormer Vorteil, da Makroaufnahmen zwangsläufig Lichtverlust mit sich bringen. Die Springblendenmechanik arbeitet dabei genauso zuverlässig wie bei direkt angesetzten Objektiven."
Aus heutiger Sicht haben die Automatic-Modelle nur noch sehr begrenzte praktische Bedeutung. Wer heute ernsthaft Makrofotografie betreibt, nutzt digitale Kameras mit Focus-Bracketing oder Focus-Stacking. Mit solchen Verfahren wird eine Schärfentiefe und Detailauflösung erreicht, die mit analoger Technik praktisch nicht zu erreichen ist. Kompatible Digitalkameras und gleichzeitig passende Objektive für die alten Automatic-Balgengeräte sind kaum noch in Gebrauch. Außerhalb von rein nostalgischen Projekten oder Sammlerinteresse lohnen dies Balgengeräte nicht mehr, es sei denn, man besitzt das System bereits oder erhält den Balgen als Beigabe zu einer analogen Spiegelreflexausrüstung. Für Sammler mögen diese Geräte noch attraktiv sein. Wer sie trotzdem nutzen möchte, kann mit entsprechendem handwerklichen Geschick ev. die Anschlüsse tauschen, verliert dann aber die automatische Blendensteuerung.
Zusätzlich gibt es speziell gebrandete Ausführungen für andere Hersteller, etwa für Hasselblad mit größerem Balgen, das sonst aber eindeutig als Novoflex-Produkt erkennbar bleibt.
Immer noch zu gebrauchen sind die Versionen mit M39- oder M42-Gewinde für Obektive. Dank des vielseitigen Adapterprogramms lassen sich problemlos viele analoge und digitale Systemkameras anschließen. Novoflex führt bis heute zahlreiche solcher Adapter. Fehlt der passende, hilft der Novoflex/M42Adapter weiter, der durch einen weiteren M42/Kamerabajonett Adapter ergänzt wird.
Persönlich bevorzuge ich die Variante (ohne Blendenautomatik) mit integriertem Einstellschlitten, weil sie das Einstellen des Abstands zum Motiv vereinfacht oder eine bessere Balance auf dem Stativ ermöglicht. Da ich mehrere sehr gute Repro- und vergrößerungsobjektie mit M39 Anschlussgewinde habe, nutze ich ein Novoflex Balgengerät mit M39 an der Objektivstandarte.
Wer jedoch einen motorisierten StackShot-Schlitten einsetzt, kann auf den fest angebauten Schlitten am Balgengerät verzichten und die kompaktere Version nutzen.
Ein markantes Konstruktionsmerkmal der klassischen Novoflex-Bälge ist die feststehende Kamerastandarte. Dadurch konnten die Geräte sehr kompakt und gleichzeitig stabil gebaut werden. Für modernes Focus-Stacking ist diese Bauweise allerdings nicht ideal. Optimal wäre es, wenn der Abstand zwischen Objektiv und Motiv während der gesamten Serie konstant bleibt und nur das Kameragehäuse (bzw. der Sensor) sich in kleinen Schritten entlang der optischen Achse bewegt. Genau das ist mit den alten Novoflex-Modelle nicht ohne Weiteres möglich. Mit einer zusätzlichen Makroschnecke (Helicoid) zwischen Balgen und Kameragehäuse lässt sich dieser Nachteil weitgehend aufheben.
In den 1970er Jahren erscheint aus Japan ein weit verbreitetes Konkurrenzsystem (als OEM-Produkt unter verschiedenen Markennamen), das deutlich schwerer ist, dafür aber für beide Standarten eine Verschiebung per Feintrieb ermöglicht. Auf Modellen mit M42 Anschluss steht häufig Soligor als Marke, mitunter auch Unitor. Speziell für bestimmte Bajonette verschiedener Kamerahersteller gebaute Modelle, sind mit deren Marken gelabelt. Dieses Balgengerät ist für moderne Stacking-Anwendungen besser geeignet als die klassischen Novoflex Balgengeräte.
Allerdings haben die japanischen Balgengeräte Gleitlager aus Kunststoff (vermutlich Nylon oder Teflon), die im Laufe der Jahrzehnte brüchig werden können. Darauf ist beim Gebrauchtkauf zu achten. Inzwischen werden auf eBay Ersatzteile aus dem 3-D-Drucker angeboten. Diese Schwachstelle ist bei den Novoflex Balgengeräten nicht anzutreffen.

Sigma sd Quattro mit Schneider-Kreuznach 120 mm am Novoflex Balgengerät
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