Leitz Visoflex Balgen-Einstellgerät
2021 / 2026 © Thomas Gade
Das Leitz-Balgengerät (auch Leica Bellows oder Visoflex-Balgengerät genannt) ist ein vielseitiges Zubehör für Leica-Kameras, das speziell für Nah- und Makroaufnahmen entwickelt wurde. Es erweitert den Einsatzbereich der Leica-Objektive erheblich und ermöglicht kontinuierliche Einstellungen über sehr große Auszugsbereiche hinweg.
Funktionsweise und Vorteile
Das Gerät nutzt einen variablen Balgenauszug, um Nahaufnahmen und starke Vergrößerungen auf dem Negativ zu realisieren. Besonders in Kombination mit dem VISOFLEX-Spiegelreflexansatz (Leitz-Spiegelkasten) wird eine präzise und komfortable Arbeit ermöglicht. Der VISOFLEX sorgt dafür, dass das Mattscheibenbild aufrecht, seitenrichtig und besonders hell erscheint – dank eines großen, oberflächenversilberten Spiegels, der das einfallende Licht ohne Verluste auf die Mattscheibe umlenkt. Über verschiedene Lupen (senkrechte 5-fach-Lupe LVFOO, 45°-abgewinkelte 4-fach-Lupe PEGOO mit seitenrichtigem Bild oder 90°-abgewinkelte 5-fach-Lupe PAMOO) lässt sich die Schärfe bis zum Auslösezeitpunkt exakt kontrollieren.
Die Spiegel- und Verschlussauslösung erfolgt synchron über einen LEITZ-Doppelauslöser, der am VISOFLEX-Auslöseknopf und am Kameraverschluss befestigt wird.
Aufbau und Montage mit VISOFLEX und HEKTOR 13,5 cm
Für die klassische Makro-Normalausstattung wird der VISOFLEX-Ansatz mittig an der Trägerplatte des Balgengeräts angeschraubt und an die rückwärtige Platte gedrückt. Dahinter kommt das Leica-Gehäuse. Ein Wechselring mit Leica-Gewinde wird in die Objektivstandarte geschraubt, darin ein Gewindering, der etwas den herausgeschraubten Objektivkopf des HEKTOR 13,5 cm oder ein anderes Objektiv mit M39 Anschluss aufnimmt. Optional kann eine Gegenlichtblende oder ein variables Kompendium anmontiert werden.
Mit dem HEKTOR 13,5 cm erreicht man vom Unendlich-Bereich bis zum Abbildungsmaßstab 1:1. Objektive mit kürzerer Brennweite erlauben deutlich stärkere Vergrößerungen.
Einstellung und Bedienung
Das Balgengerät wird auf stabiles Stativ geschraubt; ein Nutzung aus freier Hand ist zumindest bei Nahaufnahmen nicht möglich. Die Schärfe wird über seitliche Triebknöpfe eingestellt. Eine Skala an der Schlittenführung zeigt den Abbildungsmaßstab und rot markierte Verlängerungsfaktoren für die Belichtung an, da bei größerem Auszug längere Belichtungszeiten nötig werden. Das ist für moderne Kameras mit Belichtungsmessung unnötig, aber wenn sie nicht durch das Objektiv möglich ist, ist die historische Methode sinnvoll. Wichtig zur Nutzung der Skala sind die Listen für verschiedene Brennweiten in der Gebrauchsanleitung.
Für einen festgelegten Maßstab stellt man den Schlitten vorab ein und bewegt das gesamte Gerät zum Motiv, bis die Schärfe auf der Mattscheibe sitzt. Dafür nutzt man spezielle Einstellschlitten (macro-rail).
Weitere Objektivkombinationen und Varianten
Neben dem HEKTOR 13,5 cm lassen sich alle Leica-Objektive verwenden. Bei kürzeren Brennweiten (z. B. 3,5 cm, 5 cm, 9 cm) bleiben die Objektive meist in ihrer normalen Fassung; längere wie das ELMAR 9 cm können ebenfalls aus dem Stutzen geschraubt und mit Zwischenringen adaptiert werden.
Eine Variante nutzt einen Wechselschlitten (statt VISOFLEX), z. B. mit dem ELMAR 5 cm für Aufnahmen von ca. 1 m bis zur 2,5-fachen Vergrößerung. Hier wird die Kamera direkt am Schlitten geklemmt, das Objektiv über Bajonett- und Blendeneinstellring angeschlossen. Die Maßstabs- und Belichtungsskalen befinden sich dann auf der anderen Seite.
Zusatzausstattung
Ein variables Kompendium (auch ein Balgen als große Gegenlichtblende) schützt vor seitlichem Streulicht. Es wird in Bohrungen am Balgengerät gesteckt und mit einem Federring am Objektiv fixiert. Es ist effizienter als viele moderne Sonnenblenden, die leider trotz dunkler Oberflächen mehr Licht reflektieren als gewünscht. Ein Balgen hat aber keine glatte Oberfläche, sonden eine mehrfach geknickte, die Streulicht besser eliminiert. Besonders im Studio, wo ev. mehrere seitlich vor der Kamera stehende Leuchten eingesetzt werden, ist das von Vorteil. Früher mehr als heute, weil die Linsen in den Objektive damals noch nicht so gut vergütet waren, wie heute.
Insgesamt handelt es sich bei diesem Leitz-Balgengerät um ein präzises, robustes Werkzeug für anspruchsvolle Nah- und Makrofotografie im Leica-System. Es ergänzt die Möglichkeit zum exakten Fokussieren durch einen speziellen Spiegelreflex-Sucher (Visoflex), ohne den das für Makrofotos bei Messsucherkameras überhaupt nicht möglich wäre.
Visoflex: Blickt man in den Spiegelkasten sind Abblätterungen der reflektierenden Beschichtung am Spiegel erkennbar.
Produktionszeitraum des Leitz-Balgengeräts
Das Leitz-Balgengerät, auch bekannt als Leica Bellows, wurde in verschiedenen Versionen über mehrere Jahrzehnte produziert, hauptsächlich als Zubehör für das Visoflex-System der Leica-Kameras. Die erste Version, Bellows I, entstand in den 1950er Jahren und war eng mit dem Visoflex I verbunden, der ab 1951 verfügbar war. Die verbesserte Bellows II wurde 1961 eingeführt und blieb bis in die 1980er Jahre in Produktion, parallel zur Visoflex II (1959–1963) und Visoflex III (1963–1984). Das genaue Produktionsende hängt von den Modellvarianten ab, aber nach 1984, als das Visoflex-System auslief, wurde diese Linie nicht fortgeführt.
Möglichkeiten zur Nutzung mit anderen Systemen
Das M39 x 1 Gewinde für Objektive kann genutzt werden, um viele Repro- und Vergrößerungsobjektive zu nutzen. Dazu gehören diverse Rodenstock Rodagon und Schneider-Kreuznach Objektive aus dem Fotolabor, die heute preiswert aus zweiter Hand zu haben sind und sich sehr gut für Nahaufnahmen eignen, aber auch für Fernaufnahmen geeignet sind.
Schwieriger ist jedoch die Adaptierung anderer Kameragehäuse. Problematisch ist bei diesem Modell vor allem die Stufe hinter der Kamerastandarte, die den Raum für andere Modelle begrenzt. Man könnte den Raum durch eine Röhre überbrücken, aber insgesamt ist das komplizierter, als bei Novoflex Balgengeräten, die relativ leicht und günstig (50 - 100 €) zu kaufen sind. Zum Beispiel Versionen mit M39 an der Objektivstandarte und Novoflex-Adapteranschluss an der Kamerastandarte.
Bewertung aus heutiger Sicht
Aus heutiger Sicht (Stand 2026) ist das Leitz-Balgengerät ein beeindruckendes Ergebnis fotografischer Ingenieurskunst. Es vereinfacht die Makrofotografie mit Leica-Objektiven. Durch die Robustheit funktionieren viele Exemplare immer noch einwandfrei. Die Beschichtung des Spiegels im Visoflex kann durch Alterung und ungünstige Lagerung beschädigt sein (sog. Mirror Flaking). Sie blättert an den Rändern beginnend ab oder schwärzt sich. Darauf ist beim Gebrauchtkauf zu achten.
Preislich werden gebrauchte Modelle mit rund 200 € bewertet; der Preis kann bei sehr gutem Zustand auch höher liegen. Die mechanische Qualität ist überzeugend, aber die spezielle Bauweise für Leica-M-Kameras erschwert eine Nutzung mit anderen Systemkameras. Deshalb sind gut erhaltene Exemplare eher für die Vitrine gedacht als für den praktischen Einsatz. Natürlich könnte man sie weiterhin mit kompatiblen Leica Messsucherkameras nutzen, aber dies dürfte kaum noch vorkommen.
Leica System
Das BALGEN-EINSTELLGERÄT
seine Anwendung und Möglichkeiten
Download: Bedienungsanleitung Leica Balgen-Einstellgerät
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