PhotoCraft - Echte Photoshop Alternative!
18. 10. 2026 @ Thomas Gade
PhotoCraft - Das Aus für Adobe Photoshop?
In der aktuellen Ausgabe der c’t Fotografie (2026-5) ist mein zwölfseitiger Artikel über Alternativen zu Adobe Photoshop erschienen. Viele Nutzer sind vom Abo-Modell und den unzähligen Hintergrunddiensten der Adobe Cloud genervt, die selbst dann aktiv sind, wenn kein einziges Adobe-Programm läuft. Das Konzept hat bei vielen Anwendern die Schmerzgrenze erreicht. Sie suchen nach Software, die lokal, offline und ohne Kontozwang läuft. Dass sich der Softwaremarkt durch KI-Hilfe rasant verändert, war mir beim Schreiben klar. Deshalb bat ich die Redaktion den Beitrag nicht nach hinten zu verschieben, sondern rasch zu veröffentlichen. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass in Kürze die Bildbearbeitung GIMP die Kurve kriegt, um wie Photoshop zu funktionieren.
Doch nur einen Monat nach Erscheinen der Ausgabe, tauchte auf GitHub plötzlich ein völlig neues Projekt auf: PhotoCraft.
Dahinter steckt der Softwareentwickler Brandon Thomas (in der Entwickler-Szene bekannt als Echelon) und sein Team namens ArtCraft. Angeblich aus Ärger über die Cloud- und Preispolitik von Adobe soll Thomas beschlossen haben, eine Alternative zu entwickeln.
Mithilfe moderner künstlicher Intelligenz (wie dem Sprachmodell Claude 3.5 Opus) erstellte er eine Software, die Photoshop zum Verwechseln ähnlich sieht. Im Prinzip wurde die Software von der KI - nach Vorgaben von Brandon Thomas - in einer anderen Programmiersprache nachgebaut. Das Ganze nennt sich in der Szene „Vibe Coding“. PhotoCraft ist übrigens kein Einzelgänger: Mit FilmCraft (für Premiere) und LightCraft (für Lightroom) arbeitet das Team bereits an einer kompletten, freien Creative Suite. Ebenso an Alternativen für Adobe Acrobat, Microsoft Word und Excel.
Vorteile von PhotoCraft gegenüber Adobe Photoshop
Kein Abo, kein Account, keine versteckten Kosten. Der Code ist komplett offen auf GitHub einsehbar.
Kein Umlernen nötig: Die Benutzeroberfläche, die Werkzeuge und selbst die Tastenkürzel wurden fast 1:1 von Photoshop übernommen. Wer das Adobe-Original kennt, findet sich in PhotoCraft sofort zurecht. Auch vielschichtige PSD-Dateien lassen sich problemlos öffnen und bearbeiten.
Flotte Performance dank Rust: Viele moderne Programme sind träge, weil sie auf schweren Web-Frameworks basieren. PhotoCraft wurde von Grund auf in der Programmiersprache Rust geschrieben. Es rendert direkt über deine Grafikkarte (GPU) und ist dadurch extrem schnell und ressourcensparend.
Überall einsatzbereit: Egal ob Windows, macOS oder Linux – PhotoCraft läuft überall.
Praktisch: Auch als Portable Version verfügbar
Oktober 2026 / Stand der Dinge
PhotoCraft befindet sich aktuell noch in einer Alpha-Phase. Das bedeutet, dass hier und da noch Funktionen fehlen. Auch lassen sich gewohnte Plug-ins für Adobe Photoshop noch nicht integrieren. Für den harten Profi-Alltag ist es deshalb noch nicht ausgereift, aber alle paar Tage erscheint derzeit ein neues Release. Aber für viele Workflows ist es jetzt schon überraschend gut nutzbar. Wer Cloud- und KI-Features benötigt, die von externen Rechenzentren geliefert werden, kann diese über Schnittstellen kostenpflichtig zubuchen.
Die aktuelle portable Version 0.10 für Windows verbraucht gerade einmal schlanke 175 MB Platz.
Adobe wird es rechtlich schwer haben, den reinen Code zu verbieten, da er von Grund auf neu geschrieben wurde. Allerdings könnte der Tech-Riese über Markenrechte (wegen der Namensnähe zu Photoshop) oder Patentklagen versuchen, das Projekt über Plattformen wie GitHub blockieren zu lassen.
Selbst wenn Adobe es schaffen sollte, dieses eine spezifische GitHub-Repository von PhotoCraft sperren zu lassen, ändert das nichts am grundlegenden Paradigma. Das liegt an drei massiven Verschiebungen, die wir gerade erleben.
Früher war der Nachbau einer Software wie Photoshop ein gigantisches Projekt, das Hunderttausende Entwicklerstunden und Millionenbudgets verschlang. Heute reicht Vibe Coding: Ein einzelner, cleverer Entwickler mit einer klaren Vision kann zusammen mit KI-Modellen wie Claude 3.5 Opus oder dessen Nachfolgern eine solche Mammutaufgabe in Wochen oder Monaten erledigen. Da KI-Modelle weltweit für jeden verfügbar sind, kann jeder zum Software-Architekten werden.
Wenn ein Open-Source-Code erst einmal im Netz ist, bleibt er dort. PhotoCraft wurde bereits tausendfach „geforkt“ (kopiert) und von Nutzern weltweit lokal auf ihren Festplatten gesichert. Wird das Hauptprojekt auf GitHub gelöscht, taucht es morgen unter anderem Namen auf dezentralen Plattformen oder in anderen Ländern wieder auf. Ein globales "Löschen" von freiem Code ist im heutigen Internet praktisch unmöglich.
Es ist rechtlich unkritisch, die Funktionsweise eines Programms nachzubauen, solange man nicht den eigentlichen Quellcode des Originals stiehlt (Kopieren von Codezeilen). Wenn eine KI eine Software rein nach Beobachtung und Spezifikationen in einer völlig neuen Sprache wie Rust von Grund auf neu schreibt, ist eine Abweher schwer möglich. Das US-Recht schützt die Implementierung (den geschriebenen Code), aber im Regelfall nicht die reine Idee, dass ein Menü oben links sitzt oder ein Pinsel Pixel einfärbt.
Wir erleben das Ende der Ära, in der Software-Giganten ein Monopol auf komplexe Werkzeuge hatten.
Diese Entwicklung ist nicht nur für Adobe kritisch, sondern auch für Canva, das zwar die Software Affinity gratis (ohne KI-Funktionen) anbietet, aber nicht für Linux.
Solche Prozesse werden den Softwaremarkt in den nächsten zwölf Monaten komplett umkrempeln. Die Büchse der Pandora ist geöffnet und lässt sich nicht mehr schließen.
Link zum Projekt: https://github.com/storytold/photocraft
© Thomas Gade | photoinfos.com | ISSN 3054-4769 (Online). Unsere Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt. Jede Nutzung ist nur mit schriftlicher Erlaubnis des Verfassers gestattet und stets honorarpflichtig.