Lehrgang für Drogisten-Fachschulen
Zweite Auflage, 1938, Band 3, Kapitel Photographie von Dr. Hans Beug2025 © Thomas Gade
Das Buch Lehrgang für Drogisten Fachschulen, Band 3., Kapitel Photographie enthält viele Erklärungen und Infos, die vielfach immer noch aktuell sind. Es wurde über mehrere Jahrzehnte mehrfach überarbeitet und aufgelegt.
Wissen Sie, warum Drogerien die Partner der großen Fachlabore sind? Das hat historische Gründe. Betritt man heute eine Filiale von DM, Rossmann oder Müller, dürften die meisten Mitarbeiter keine Ahnung mehr von analoger Fotografie haben. Wozu auch? Aber früher hatten viele Drogerien eigene Fotolabore, in denen die Mitarbeiter persönlich Filme entwickelten und Abzüge erstellten. Zur Ausbildung der Drogisten gehörte deshalb eine umfassende Vermittlung von fototechnischen Kenntnissen und dazugehöriger Warenkunde.
Im dritten Band der Bücher 'Lehrgang für Drogisten - Fachschulen', 2. Aufl. aus 1938, sind die ersten 192 Seiten der Fotografie gewidmet. Frühere Ausgaben aus 1927 (511 Seiten) und 1931 (844 Seiten) waren noch nicht in mehrere Bände eingeteilt, aber der Umfang des Werks nahm so stark zu, sodass es 1938 erforderlich war. Man kann nur staunen, wie viele Fachgebiete Drogisten kennen mussten.
Der Abschnitt Fotografie wurde von Dr. Hans Beug verfasst, ein Dipl. Handelsoberlehrer aus Berlin. Darin werden ausführlich behandelt das Objektiv, Fotoapparate, Negativmaterial, praktisches Fotografieren, Dunkelkammer, Entwicklung von Filmen, Vergrößern von Abzügen, Anfertigung von Reproduktionen, Stereofotografie und die neuen Diafilme Agfacolor und Kodachrom.
Beim Lesen fällt auf, dass der Text kaum für Anfänger bestimmt ist, sondern sich an eine Zielgruppe richtet, die gewisse Vorkenntnisse hat. Sind die vorhanden, lässt er sich gut lesen und enthält interessante Informationen. Zum Beispiel beginnt Hans Beug sein Kapitel 'Das Objektiv' mit folgenden Sätzen:
"Die Camera Obscura, die Lochkamera ohne Linse, hat in der Praxis nie die Rolle gespielt wie in den fotografischen Lehrbüchern. Schon 1568 taucht sie nachweisbar in Italien mit einer bikonvexen Sammellinse auf. Seitdem befindet sich die fotografische Optik in stetiger Entwicklung, die - es klingt unwahrscheinlich, entspricht aber doch den Tatsachen - durch Newton, einen der größten Physiker aller Zeiten, um nahezu 150 Jahre verzögert worden ist. Newton war der Ansicht, dass ein Glas welches das Licht stark bricht, auch eine starke Farbzerstreuung (Anmerkung: Dispersion / Auffächerung des Lichts in farbige Spektren) aufweisen, und umgekehrt, dass bei einem kleinen Brechungsindex auch eine geringe Farbzerstreuung entsprechen muss."
Die trendige Pinhole Fotografie wird in der Einleitung zum Kuriosum in Fotobüchern erklärt und außerdem erfahren wir, dass Objektive schon lange vor der Einführung der Fotografie verwendet wurden. Um das zu verstehen, muss man wissen, dass ihre Projektion auf transparentes Material genutzt wurde, um sie abzuzeichnen. Kameras und Objektive waren daher schon vor dem lichtempfindlichen Material vorhanden, das die Fotografie ermöglichte. Dass Sir Isaac Newton in den ersten Sätzen gleich noch eine Rüge erhielt, dürfte den jungen Lehrlingen einiges abverlangt haben.
Es folgt eine Abhandlung über die Herstellung und Qualität verschiedener Glassorten. So flott und flüssig habe ich das bislang in keinem anderen Buch gelesen. Ergänzt werden optische Grundbegriffe und diverse Zeichnungen zur Erläuterung der Theorie. Danach erklärt Beug verschiedene Objektivtypen und ihre Eigenschaften.

Diverse Meßsucherkameras von Leica und Contax für den Kleinbildfilm
Inspirationen für Kamerasammler
Anschließend wechselt er zu Fotoapparaten, beginnend mit einem geschichtlichen Überblick ab der Camera Obscura. Der Schnittbild-Entfernungsmesser der Leica wird erklärt wie auch verschiedene Verschlüsse und unterschiedliche Kameratypen, die auf mehreren Abbildungen zu sehen sind. Neben altertümlich wirkenden Klappkameras gehören dazu zweiäugige Spiegelreflexkameras von Rollei und Welta. Kamerasammler dürften hier einige Inspirationen erhalten. Die Leica I, II und IIIa sind neben schönen Meßsucherkameras von Contax abgebildet.
Im Kapitel über das Negativmaterial, also Filme und damals noch verfügbare Glasplatten, wird genau beschrieben, wie verschiedene transparente Schichtträger und lichtempfindliche Emulsionen hergestellt werden. Spätestens hier wird endgültig klar, dass dies keine Bücher für Lehrlinge waren, sondern Nachschlagewerke für ihre Fachlehrer. Der Text geht viel zu sehr in die Tiefe. Warum hätten Drogisten damals wissen sollen, wie die Reifung der lichtempfindlichen Emulsion ablief und was dabei passierte? Bromsilberkristalle werden in unterschiedlichen Reifungsstadien dargestellt. Außerdem erfährt man, wie die Empfindlichkeitsbestimmung nach DIN mit einem speziellen Belichtungsgerät von Zeiss-Ikon vorgenommen wurde. Am Ende werden die Eigenschaften, wie Feinkörnigkeit, Lichtempfindlichkeit und Konfektionen aufgeführt. Schön ist eine tabellarische Aufstellung der damaligen deutschen Filmhersteller.
Danach werden künstliche Lichtquellen erwähnt. Die historischen Blitzgeräte sehen abenteuerlich aus. Den gleichen Eindruck hinterlassen die vorgestellten Belichtungsmesser. Viel schien Hans Beug damals noch nicht von ihnen gehalten zu haben. Er schrieb: "Zur Bestimmung der richtigen Belichtungszeit ist die praktische Erfahrung die beste Lehrmeisterin. Wo sie fehlt, insbesondere also bei Amateuren, die den Fotosport noch nicht lange oder nur selten betreiben, ist zur Benutzung von Belichtungsmessern zu raten. Auch der erfahrene Fotograf greift gelegentlich auf sie zurück, wenn er unter ungewohnten oder völlig neuen Verhältnissen arbeitet."
Wir erfahren, dass zuvor gebräuchliche chemische Belichtungsmesser vollständig vom Markt verschwanden. Stattdessen wurden erstens Tabellen genutzt, die von Fotografen die Bewertung der Helligkeit, Grad der Bewölkung und das Reflexionsvermögen der Aufnahmeobjekte abverlangten. Zweitens optische Belichtungsmesser, die auf die Betrachtung des Motivs durch einen transparenten Keil mit ansteigender Dichte beruhten. Diesem Typ bescheinigte Beug nach längerem Gebrauch, also größerer Erfahrung, eine gewisse Nützlichkeit, jedoch keine Eignung für Schnappschüsse. Drittens erwähnte Beug elektrische Belichtungsmesser, die noch relativ neu waren. 1933 hatte die Firma Gossen ihren ersten herausgebracht. In den USA war der erste elektrische Belichtungsmesser von Weston schon im Jahr zuvor erschienen.

Vergrößerungsgeräte für die Dunkelkammer
Weiter geht es in die Dunkelkammer. Es werden verschiedene Beleuchtungen, Geräte zur Entwicklung von Filmen und Vergrößerungsapparate präsentiert und mit Bildern gezeigt. Es folgt die Beschreibung der Filmentwicklung mit ausführlicher Darstellung der Wirkungsweise der Fotochemie. Diverse Entwicklertypen und ihre Eigenschaften werden aufgeführt. Außerdem gibt es reichlich Rezepte. Über die Zwischenwässerung geht es weiter zum Fixierbad und zur Schlusswässerung. Nach der Trocknung können Fehler im Negativprozess ausgewertet werden. Außerdem gibt es Tipps zur Verbesserung der Negative, wie Verstärken und Abschwächen inklusive der Rezepte.
Ebenso wird der Positivprozess beschrieben, beginnend mit lichtempfindlichen Papieren, ihren Emulsionen und Gradationen. Es folgt die Entwicklung bis zur Trocknung mit weiteren Rezepten.
Dann wird das Herstellen von Diapositiven, Reproduktionen und großen Vergrößerungen vorgestellt. Es folgt ein Abschnitt über Stereofotografie mit Beschreibung einiger Kameras. Zum Abschluss wird das Fotografieren mit Farbfilmen behandelt. Damals musste man sich mit farbigen Diapositiven begnügen, weil es noch kein Verfahren für Abzüge auf Papier gab, das auch Amateuren zugänglich gemacht werden konnte. In der Ausgabe aus 1938 wird der Aufbau der Farbrasterschicht ganz früher Farbfilme erklärt. Diese Filme waren zum Fotografieren nur wenige Jahre gebräuchlich. Wieder fehlen die nötigen Rezepte für die Fotochemikalien nicht.
Aber auch die neuen Agfacolor und Kodachrom Diafilme werden genannt. Beug erwähnt, dass sie auf einem bereits vor dem Kriege (1. Weltkrieg) patentierten Prinzip beruhten. Wir erfahren auch, dass die dabei verwendeten Farbstoffe schon länger bekannt waren und bereits für andere Verwendungen genutzt wurden. Aber es verstrichen noch ca. 25 Jahre, bis der farbige Mehrschichtenfilm hergestellt werden konnte. Sonst hätte es solche Diafilme schon früher gegeben.
Zuletzt wird aufgeführt, dass es drei Arten des Foto-Praktikums für angehende Drogisten gab. Entweder als umfassender, drei Monate dauernder Kurs, in dem zusätzlich auch die Schmalfilmtechnik behandelt wurde oder als einmonatiger Kurs in der Dunkelkammer sowie ein Laboranten-Kurs, in dem nicht ganz ausführlich Entwickeln, Kopieren und Vergrößern vermittelt wurde.
Zeichnung zur Erklärung des Leica Meßsuchers
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